Interview mit Michal Carus Gründer und geschäftsführender Gesellschafter nova-Institut GmbH


Der rote Faden des kommenden Strategietags bildet das Thema «Kooperation». Welche Rolle spielt das Thema in Ihrem Arbeitsalltag zur Bewältigung von Herausforderungen in Zusammenhang mit nachhaltigem Wirtschaften?

1. Ist für Sie die aktuelle Diskussion um den Klimawandel nur ein zeitgeistiges Hype-Thema, oder Gewinn bringend für nachhaltiges Wirtschaften?

Wir sind bereits mitten im Klimawandel, was man beim besten Willen am Nord- und Südpol nicht mehr übersehen kann. Der Meeresspiegel steigt und in Deutschland sterben die Buchen. Und dennoch stiegen weltweit bisher jährlich die Treibhausgasemissionen. Das Jahr 2019 wird ein neues Rekordjahr. Die Vorhersagen der Klimaforscher werden von der Realität bereits übertroffen. Bisher ist nachhaltiges Wirtschaften mehr Marketing als Realität. Es ist einmalig in der Geschichte der Menschheit, dass die Jugend der Erwachsenen sagt: „Hört auf die Wissenschaft und handelt endlich“. Wie schaffen wir es, dass die Unternehmen, die Nachhaltigkeit wirklich umsetzen, davon auch profitieren?

2. Der rote Faden des kommenden Strategietags bildet das Thema «Kooperation». Welche Rolle spielt das Thema in Ihrem Arbeitsalltag zur Bewältigung von Herausforderungen in Zusammenhang mit nachhaltigem Wirtschaften?

Die Probleme sind nur Sektor-übergreifend zu lösen. Wir leben heute viel zu sehr in Realitätsblasen, und kommunizieren wenig zwischen den Sektoren. Real wachsen alle Blasen zusammen. Wer hätte gedacht, dass die Solarenergie über Wasserstoff und CO2 die Chemie mit Rohstoffen versorgen kann? Elektromobilität macht erst richtig Sinn, wenn Sie als Lastausgleich für erneuerbaren Energien und Nachfrageschwankungen eingesetzt wird. CO2 ist nicht nur ein Treibhausgas, es ist auch potenzieller Rohstoff für Kerosin und Chemie. So können Klimaschutz und Rohstoffknappheit gleichzeitig realisiert werden. Sektor-übergreifendes Wissen, Verständnis und Kooperation sind von zentraler Bedeutung zum Meistern der Zukunft.

3. Was halten Sie für sinnvoller:CO2 Steuer oder Steuer auf fossilen Kohlenstoff?

Auf jeden Fall eine Steuer auf fossilen Kohlenstoff. Dies wäre viel einfacher umzusetzen und würde automatisch alle Sektoren und Anwendungen erfassen. Und rückerstatten könnte man die Steuer beim Export und Nachbesteuern beim Import.  Die Steuer müsste nur an wenigen Stellen erhoben werden, wie am Bohrloch oder der Kohlemine, oder beim Import von Erdöl oder Naphtha. Der gesamte fossile Kohlenstoff wäre so von der Quelle an verteuert und sämtliche Anwendungen fossilen Kohlenstoffs wären automatisch erfasst. Es gäbe keine endlosen Debatten über Ausnahmen und Sonderregelungen oder wie die CO2-Emissionen erfasst bzw. berechnet werden sollen. Da zudem der im Produkt enthaltene fossile Kohlenstoff bestimmt werden kann, kann die Steuer beim Export erstattet werden und entsprechend beim Import besteuert werden. Man könnte mit einer solchen Steuer auf fossilen Kohlenstoff demnach in einzelnen Ländern beginnen bzw. in der EU und müsste nicht auf internationale Regelungen warten.

4. Was sind für Sie die wichtigsten Aspekte/Voraussetzungen, damit eine Kreislaufwirtschaft gelingt?

Gesellschaft und Politik müssen verstehen, dass die Chemie nicht decarbonisiert werden kann, sondern Kohlenstoff braucht. Es geht um den Umstieg von fossilem auf erneuerbaren Kohlenstoff. Dies meint Biomasse, direkte CO2-Nutzung und Recycling. Erneuerbarer Kohlenstoff stammt aus der Atmosphäre, Biosphäre und Technosphäre und zirkuliert zwischen diesen Sphären. Er darf aber nicht aus der Geosphäre kommen, denn jeder zusätzliche fossile Kohlenstoff aus der Geosphäre belastet früher oder später die Atmosphäre.

Erst wenn dies wirklich verstanden ist, können wir die richtige Politik einleiten und Anreize für Investitionen in erneuerbaren Kohlenstoff schaffen.