Interview mit Dr. Joël-Luc Cachelin (Wissensfabrik)


Dr. Joël-Luc Cachelin ist digitaler Vordenker, Gründer und Inhaber der Wissensfabrik. Die Wissensfabrik bietet Studien, Workshops und beratende Unterstützung zum Thema Digitale Transformation an und unterstützt Unternehmen so bei der Digitalisierung. Beim Schweizer Strategietag Industrie 4.0 am 10. Januar 2019 in Rüschlikon hält Dr. Cachelin eine Keynote zum Thema „Die Spannungsfelder der digitalen Transformation“ – im Interview sprach er bereits jetzt mit uns über den aktuellen Stand und die Zukunft der Digitalisierung in der Schweiz.

1. Lassen Sie uns die digitale Transformation für einen Moment als Formel-1-Rennen mit 58 Runden vorstellen. In welcher Runde stehen wir?

Der Vergleich mit einem Autorennen scheint mir unpassend. Denn er impliziert, dass die digitale Transformation irgendwann an ein Ende kommt. Das glaube ich nicht. Wir sehen viele neue Technologien in der Warteschlage, wie etwa Drohnen, 3D und 4D Drucker oder autonome Fahrzeuge. Verstehen wir Transformation als begriffliche Alternative zum technologischen Fortschritt, dann erkennen wir warum wir es mit einer menschlichen Konstante zu tun haben.

2. Wie geht es weiter und was sind die Faktoren, die am Schluss den Gewinner ausmachen?

Der Trend der Vernetzung wird auf der technischen, sozialen und ökonomischen Ebene weiter gehen. Gewinnen werden langfristig jene Staaten, Unternehmen und Gemeinschaften, die in aber auch zwischen sich am besten vernetzt sind. Für Unternehmen wird es in den nächsten zehn Jahren darum gehen, die richtigen Partnerschaften einzugehen. In diesen Ökosystem wird man von Wettbewerb zu Kooperation übergehen, also Maschinen, Wissen, Daten, Fähigkeiten und Kundenzugang teilen.

3. Sehen Sie aus unternehmerischer und gesellschaftlicher Sicht Fragestellungen, die zentral sind, jedoch aufgrund eines hohen Anpassungsdrucks zu kurz kommen?

Es gibt einige Fragen auf der gesellschaftspolitischen Ebene. Die wichtigste ist für mich die Steuerung des Plattformkapitalismus. Hier stellt sich die Frage, wie gross wir chinesische und amerikanische Konzerne werden lassen und ob es Europa gelingt eigene Plattformen aufzubauen. Sicher braucht es Unternehmertum, vielleicht auch neue Steuern. Für eine digitale Zukunft braucht es weiter eine ausgezeichnete Infrastruktur, ein Bildungssystem, das mehr auf Kreativität und Selbstreflexion ausgerichtet sowie neue Ansätze in der Sozialversicherung.

4. Welche Empfehlungen können Sie Geschäftsinhabern und Geschäftsführern von Schweizer Industrieunternehmen mit Blick auf die Ausarbeitung ihrer Strategie 2020+ mit auf den Weg geben?

Industrie und Dienstleistungsunternehmen werden sich in der Logik angleichen. In beiden Fällen wird langfristig alle repetitive Arbeit an die Maschinen delegiert. Übrig bleibt die kreative Arbeit und für die braucht es ein neues Design. Gefragt ist Innovation auf der Ebene der Arbeitsräume, der digitalen Arbeitsumgebung, der Organisationsstruktur und dem Führungsverständnis. Diese Veränderungen werden nicht möglich sein ohne neues Mindset beziehungsweise ohne zeitgemässes Menschenbild.