Infrastrukturbau unter Betrieb – Interview mit Martin Bachmann (Pöyry Schweiz)

Interview mit Martin Bachmann, Pöyry Schweiz

Martin Bachmann ist Mitglied der Geschäftsleitung bei der Pöyry Schweiz AG und Referent beim Schweizer Planertag. In seiner Keynote wird er über die Herausforderungen des Bauens von Infrastrukturprojekten unter Betrieb sprechen. Im Vorfeld der Veranstaltung stand er uns für ein Interview zur Verfügung und gab uns einen Überblick über die Thematik.

Welche Vor- und Nachteile birgt das Bauen von Infrastrukturprojekten unter Betrieb?

  • Vorteile: Aufrechterhaltung des Betriebs; höhere Akzeptanz bei Kunden, Passagieren und Verkehrsteilnehmern
  • Nachteile: Hoher Planungsaufwand und lange Bauzeit; hohe Komplexität; Sicherheitsrisiken (Baustellensicherheit, Betriebssicherheit); hohe Kosten durch Etappierung, Sicherheitsanforderungen, Provisorien etc.; Umsatzeinbussen von Kommerzflächen und Verkehrsbehinderungen während Bauzeit (z.B. Langsamfahrstrecken, Spurreduktionen, Gefährdung der Fahrplansicherheit, Staugefahr); hoher Kommunikationsbedarf bei Stakeholdern

Wo sehen Sie die grösste Herausforderung in den SBB-Projekten der Bahnhöfe Zürich und Lausanne und warum?

Bei beiden Projekten sind die wesentlichen Herausforderungen vergleichbar. Einige der wesentlichsten sind:

  • Etappierung durch bahnbetriebliche Randbedingungen: max. 2 Gleise können gleichzeitig ausser Betrieb genommen werden
  • Anspruchsvolle baulogistische Herausforderungen im innerstädtischen Bereich: sehr beschränkte Platzverhältnisse für Installations- und Umschlagflächen sowie die Baustellenerschliessung und die Materialbewirtschaftung;
  • Hohe umwelttechnische Anforderungen bezüglich Lärm, Staub und Erschütterungen
  • Aussergewöhnlich hoher Planungsaufwand für die Bauphasenplanung für den Nachweis der Machbarkeit
  • Sehr hoher Koordinationsbedarf unter den Planern und mit den Fachdiensten SBB
  • Anspruchsvolles Schnittstellenmanagement mit zahlreichen Stakeholdern (Planer, Fachdienste SBB, Stadt und Kanton, Dritt- und Nachbarprojekte etc.)
  • Bauen im historischen und denkmalgeschützten Bestand mit entsprechenden Einschränkungen und Auflagen

Beim Bahnhof Löwenstrasse kamen noch folgende Herausforderungen dazu:

  • 80% der Materialtransporte mussten über die Bahn abgewickelt werden
  • Unterquerung der Sihl: Wasserbauliche Herausforderungen und Hochwasserschutz
  • Erstellung des Tiefbahnhofs im Grundwasser

Viele Grossprojekte werden oft nicht fristgerecht fertiggestellt. Woran liegt das?

Die Gründe dafür können nicht verallgemeinert werden. Aus meiner Sicht spielen folgende Gründe häufig eine Rolle: Grossprojekte werden kaum mehr auf der „grünen Wiese“ realisiert. Die Komplexität nimmt ständig zu und wird evtl. teilweise unterschätzt, die Projekte dauern sehr lange: Dies stellt sehr hohe Anforderungen an die Bestellerkompetenz der Auftraggeber, die Projekte müssen schon zu einem frühen Zeitpunkt möglichst abschliessend definiert sein; Entscheide von grosser Tragweite müssen oft lange vor der Inbetriebnahme gefällt werden;

  • Projektänderungen, -anpassungen und –erweiterungen während des Projektverlaufs haben aufgrund der Komplexität und der vielen Abhängigkeiten häufig grosse Konsequenzen und benötigen entsprechend viel Zeit bei der Bearbeitung
  • Die gesetzlichen und normativen Anforderungen steigen permanent: Änderungen während der Projektbearbeitung können zur Überarbeitung des Projekts führen
  • Die Bewilligungsverfahren dauern oft sehr lange und die Auflagen der bewilligenden Behörden nehmen zu: bereits in frühen Projektphasen werden fast ausführungsreife Projekte erwartet und während des Bewilligungsverfahrens wird das Projekt weiter vorangetrieben mit dem Risiko, dass Auflagen zu Projektüberarbeitungen führen;
  • Bei allen Beteiligten besteht ein Mangel an gut ausgebildetem und erfahrenem Personal; aufgrund der langen Projektbearbeitung (meistens mehr als 10 Jahre Planung und Realisierung) gibt es zudem Personalwechsel mit entsprechendem Verlust an Projekt-Wissen
  • Tendenz zur „Verjuristerei“ führt dazu, dass die Kräfte nicht zu Gunsten des Projekts eingesetzt werden
  • Die politischen und gesellschaftlichen Risiken haben häufig einen nicht zu unterschätzenden Einfluss (Einsprachen, politischer Widerstand), der oft schwierig vorauszusehen und zu „managen“ ist.

Das Projekt Bahnhof Löwenstrasse konnte termingerecht in Betrieb genommen werden. Die Erfolgsfaktoren waren u.a.:

  • Grosse Akzeptanz in der Bevölkerung (Volksabstimmung)
  • Gesicherte Finanzierung
  • Partnerschaftlicher Umgang zwischen Auftraggeber und beauftragten Planern und Unternehmern
  • Vollständiger Nachweis der Machbarkeit im Vorprojekt / Bauprojekt
  • Detaillierte Termin- und Bauphasenplanung durch den Projektverfasser bereits in einem frühen Projektstadium als Basis für die Ausschreibung, welche der ausführende Unternehmer grösstenteils übernommen hat
  • Umfangreiches Konzept für Baulogistik und Materialbewirtschaftung durch den Projektverfasser bereits im Bauprojekt als Basis für die Ausschreibung
  • Frühzeitiger, kontinuierlicher und intensiver Austausch mit Ämtern und Behörden (insb. AWEL, Denkmalpflege)
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