Human-Centric Buildings – Der Mensch steht im Zentrum, nicht die Technologie

Menschliche Wahrnehmung und Emotionen sind für den wirtschaftlichen Gebäudebetrieb von entscheidender Bedeutung, sagt Leo Putz, CEO von Avelon und Referent beim Schweizer Planertag 2020.
Im Interview gab er uns einen Einblick in die Themen, auf die er sich auch in seiner Keynote beziehen wird.

Wie kann die Digitalisierung dem uralten Industriezweig «Bauen und Wohnen» weiterhelfen?
Leo Putz: Es ist richtig, dass Gebäude absolute Commodities sind. Und genau deswegen sind die Zahlen beeindruckend: In der Schweiz gibt es ca. 1.7 Mio. Wohngebäude und weit über eine Million Nichtwohngebäude, in denen Herr und Frau Schweizer durchschnittlich drei Viertel eines Tages verbringen. Und schliesslich gehen rund 70% des gesamten Energiekonsums in der Schweiz auf das Konto von Gebäuden! Das beläuft sich insgesamt auf über CHF 14 Mrd. pro Jahr.

Liegt das nicht weitestgehend an der schlechten Dämmung alter Gebäude?
Leo Putz: Auch, aber nicht nur. Nicht zuletzt ist auch hier der Faktor Mensch matchentscheidend. Wir verstehen die Menschen, die in den Gebäuden wohnen und arbeiten als unsere wichtigsten Stakeholder. Muss es beispielsweise wirklich ständig 24°C Innentemperatur haben oder würden 22°C ausreichen? Wann und wie lange soll im Winter gelüftet werden? Ist der Mensch verantwortlich oder kann ihn die Technik da unterstützen?

Was hat sich in den vergangenen 18 Jahren seit der Gründung von Avelon im Gebäude getan?
Leo Putz: Natürlich haben IT und die digitale Vernetzung nicht vor der Eingangstür Halt gemacht. Doch ist jedes Gebäude ist ein Unikat. Bei Avelon haben wir uns bereits 2002 zum Ziel gemacht, die Arbeit der Immobilieneigentümer und -verwalter zu vereinfachen. Häufig müssen diese mehrere Abteilungen, Mitarbeiter und externe Dienstleister koordinieren, um sicherzustellen, dass ihre Gebäude mit Effizienz und Komfort für die Bewohner funktionieren.

Und wohin geht die Reise der professionellen Gebäudeautomation?
Leo Putz: Ganz klar hin zum Aufbau von untereinander vernetzten Ökosystemen. Gebäudemanager, Eigentümer, Techniker, Bewohner sowie Nutzer der Gebäude werden auf lange Sicht von neuen und innovativen Lösungen in den Bereichen der Integration, des Monitorings und einer einfachen Steuerbarkeit profitieren. Sie werden autonomer und unabhängiger handeln können.

Technologie-übergreifende Standards, wie BACnet/IP und der Einsatz von LoRaWAN werden dabei entscheidend sein, um die Vielfalt von teilweise tausenden Geräten, technischen Systemen und gewachsenen Strukturen in einer Plattform zu integrieren. So können wir die Kommunikation zwischen Geräten und Systemen verschiedener Hersteller sicherstellen, so dass Daten ausgetauscht und Geräte problemlos zusammenarbeiten können.

«Stosslüften» hilft – aber, wann, wie oft und wie lange?

Zudem wird das Bewusstsein rund um Gesundheitsthemen und Gebäuden weiter wachsen. Stichwort «Sick-Building-Syndrom»: So kann zum Beispiel der Kohlenstoffdioxid-Wert (CO2) in geschlossenen Räumen mit vielen Menschen schnell ansteigen. Dadurch kommt es nicht selten zu Kopfschmerzen oder Konzentrationsstörungen. «Dicke Luft» senkt die Leistungsfähigkeit und führt so zu einer Verringerung des Wohlbefindens und der Produktivität.

In Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Verein für Luft- und Wasserhygiene, LUNGE ZÜRICH und dem Lehrerverband Schweiz haben wir unseren Raumfühler «Wisely» auch speziell auch für Klassenzimmer und Büros entwickelt. Aber auch bei uns zuhause spielen Parameter wie Luftfeuchtigkeit und Luftqualität, speziell in der kalten Jahreszeit, wenn viel geheizt wird, eine grosse Rolle für die Gesundheit.

«Die Überwachung von Energieeffizienz, Raumklima und Luftqualität liefert auch im privaten Bereich einen grossen Mehrwert.»

Wie können Private mit dem Wunsch nach mehr Effizienz im Gebäude von Ihren Produkten profitieren?
Leo Putz: Jedes Gebäude ist einzigartig. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um ein Bürogebäude, ein Hotel, ein Spital oder ein Privathaus handelt. Das macht ein effizienzbezogenes Monitoring oder Automatisierung komplex. Wir verwalten heute rund 24’000 Wohnungen auf unserer Cloud-Plattform und werten täglich knapp 16 Millionen Datensätze aus.

Diese Daten helfen uns, Gebäude besser zu verstehen und massgeschneiderte Optimierungslösungen günstig anzubieten. Zudem entwickeln wir neue Soft- und IoT Hardware Produkte, die wir teils zum Selbstkostenpreis anbieten (siehe wisely.eco). Private HauseigentümerInnen und MieterInnen können heute von der Erfahrung des professionellen Gebäude Managements in einem nie dagewesenen Ausmass profitieren.

Der Weihnachtsmann gewährt Ihnen einen Wunsch. Wie würde der lauten?
Leo Putz: Mein Team und ich möchten ein Bewusstsein für Lebensräume und Raumqualität schaffen. Wollen wir tatsächlich Energie sparen, müssen wir die Themen Gesundheit, Wohlbefinden und Emotionen, d.h. den Mensch in den Mittelpunkt rücken. Ist es nicht cool, wenn Gadgets plötzlich helfen, Kosten zu sparen und Effizienz zu steigern? Ich würde mir wünschen, dass wir unsere Gebäude noch besser verstehen und wichtige Beiträge zum Ressourcenschutz leisten. Dass dies funktioniert, ist mittlerweile bewiesen.

 

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