Wie wichtig ist für die Industrie-KMU die Digitalisierung? – Business Day 2017


smart factory - interactive business concept

von Dr. Eva-Eliane Tammena

Wie wichtig ist für die Industrie-KMU die Digitalisierung? Wie werden die Möglichkeiten und Schwierigkeiten für das eigene Unternehmen eingeschätzt? Umfragen und wirtschaftswissenschaftliche Untersuchungen ergeben ein sehr gemischtes Bild, wobei der Mangel an Innovationskapital die Widersprüche weitgehend erklärt.

Das Projekt „Nutzenbasierter Digitalisierungsnavigator“, kurz DigiNav, wird unter anderem von der Hochschule FHS St. Gallen durchgeführt. Da viele der teilnehmenden KMU Swissmechanic angehören, unterstützt unser Verband das Vorhaben und führte deshalb eine Umfrage bei über 200 unserer Mitgliedern durch. Fragen: Wo sehen unsere Industrie-KMU bei der Einführung der Digitalisierung die grössten Potentiale, wo aber auch die grössten Schwierigkeiten?

Widersprüchliche Aussagen

Als Erstes wurden die Unternehmer nach dem Potential gefragt, welches sie in der Digitalisierung von Prozessen sehen. Der Grossteil sieht hier die grössten Möglichkeiten bei der Personalentwicklung und Mitarbeiterqualifizierung. Allerdings gehört diese Digitalisierung des Arbeitsplatzes zum Mainstream der globalen Wirtschaftsentwicklung der letzten 30 Jahre und ist in vielerlei Hinsicht bereits Alltag.

Anders fällt die Stellungnahme auf die Frage aus, wie hoch die Unternehmen das eigene Potential im Bereich neuer Geschäftsmodelle und Strategien – Stichwort Service Transformation – einschätzen. Hier antworten über 70% der Unternehmer mit „klein“ oder „sehr klein“. Das erstaunt angesichts einer wirtschaftlichen Umwelt, in der gerade hoch technologisierte Unternehmen erfolgreich operieren. Auch im Bereich Produktion – Stichwort Prozessintegration – sind die Unternehmen zu grossen Teilen skeptisch. Dies lässt zwei Annahmen zu: Entweder werden bei der Implementierung digitaler Systeme grössere Schwierigkeiten erwartet oder – grundsätzlicher – es gibt überhaupt noch keine digitalen Lösungen für die Probleme der Schweizer KMU. Letzteres ist auszuschliessen, weil etwa die Pharmaindustrie digitalisierte und hoch standardisierte Produktionsmethoden bereits verwendet. Sie lässt dies auch von der Universität St. Gallen wissenschaftlich bewerten und öffentlich machen. Somit scheint nicht die Verfügbarkeit digitaler Lösungen, sondern deren Implementierung die grosse Hürde darzustellen.

Dieser Annahme widerspricht aber der zweite Teil der Umfrage. Hier bewerten die Unternehmer die Implementierung. In allen Bereichen wurde mehrheitlich mit „kleinen Schwierigkeiten“ oder mit „keinen Schwierigkeiten“ geantwortet.

Fazit: Auch wenn die Industriepartner im Projekt selbst unterschiedliche Prioritäten bei dem Forschungsprojekt Nutzenbasierter Digitalisierungsnavigator als Teilprojekt des IBH Lab KMUdigital haben, überrascht doch die sehr deutliche «Absage» der Umfrageteilnehmer an die Themen Digitale Prozessintegration und Service Transformation, indem beinahe drei Viertel der Antworten dort höchsten ein kleines Potential sehen und zudem dort auch nur wenige Schwierigkeiten erwarten. Gleichzeitig erwarten die Umfrageteilnehmer bei den Themenbereichen mit hohem Nutzen die grössten Schwierigkeiten.

Es bleibt spannend, ob die Forschungsresultate des IBH Projekts diese unerwartete Momentaufnahme bestätigen können. Das Projektteam arbeitet daran die – teilweise verborgenen – Nutzenpotentiale aufzuzeigen und gleichzeitig Ansatzpunkte und Werkzeuge zum erfolgreichen Umgang mit den befürchteten Schwierigkeiten aufzeigen.

Crux Kapitalmangel

Fokussiert man den Umstand, dass die Implementierung der Digitalisierung nicht nur Strategie und Know-how erfordert, sondern auch Investitionskapital, so machen die widersprüchlichen Umfrageergebnisse Sinn: Die Unternehmer wären an sich willens und technisch in der Lage, digitalisierte Prozesse zu implementieren, aber offensichtlich übersteigt dies den Rahmen ihrer Investitionsmöglichkeiten derart, dass sie unter dem Strich ihr Digitalisierungspotential pessimistisch einschätzen.

Diese Annahme findet im Ernst & Young-Unternehmensbarometer Februar 2017 einige Unterstützung. Auf die Frage, ob Industrieunternehmen den Wunsch hätten, mehr zu investieren, antworteten 31 % mit Ja. Weitere 30 % halten den Zugang zu erleichterten Krediten für eine gute Massnahme, um den Schweizer KMU-Mittelstand wieder zu stärken. Weiter gaben 17 % aller Industrieunternehmen – KMU wie Grossunternehmen – an, dass sie aufgrund von Kapitalmangel nicht in Digitalisierung investieren können.

Fazit: Die Digitalisierung hat es leider noch nicht in ausreichendem Masse in die Industrie-KMU geschafft. Das ist den KMU auch bewusst, aber die Inangriffnahme der Digitalisierung scheitert an der Verfügbarkeit von Investitionskapital bzw. am Zugang zu Krediten.

Positive Zukunftsperspektiven schaffen

Die Diskrepanz zwischen negativer Einschätzung und bejahtem Mehrwert der Digitalisierung führt zum Schluss, dass das fehlende Kapital der Hemmschuh ist. Um dieser Gefahr zu begegnen bzw. um den Schweizer KMU-Mittelstand zu stärken, sind positive Entwicklungsperspektiven zu schaffen. Dazu gehört die Öffnung des Zugangs zu Investitionskapital – wohl das vorrangige Nadelöhr. Das Swissmechanic-Projekt eines KMU-Fonds, der eine Anschubfinanzierung ermöglichen soll, könnte dazu die Grundlage schaffen.

Damit würden die Konsequenzen gezogen, welche die Befunde der Swissmechanic-Umfrage sowie die weiterer wirtschaftlicher Institutionen nahelegen. Der ausgewiesene Nachholbedarf der Schweizer KMU punkto Industrie 4.0 könnte endlich auf breiter Front angepackt und damit die Zukunftsfähigkeit des Werkplatzes Schweiz gesichert werden.

Plattform Swissmechanic Business Day

Der Swissmechanic Business Day im September wird unter dem Motto «Werkplatz 4.0 Digitalisierung auf den Boden gebracht» eine Plattform bieten, um das Thema breit und tief zu erörtern. Hochschulvertreter wie Prof. Dr. Christian, Projektleiter von DigiNav, Prof. Dr. Peter Jaeschke, Leiter des Instituts für Informations- und Prozessmanagement, sowie Vertreter der Praxispartner werden dort über erste Resultate und Erfahrungen berichten.

Zum Business Day 2017

 

Dr. Eva-Eliane TammenaDr. Eva-Eliane Tammena ist Leiterin Wirtschaftspolitik und Öffentlichkeitsarbeit bei Swissmechanic und Mitglied im Fachbeirat des 3. Schweizer Strategietag Industrie 4.0 am 11. Januar 2018 in Rüschlikon.