Schweizer Unternehmen dürfen nicht ins Hintertreffen geraten


Dr. Urs Hirt, Staufen AG Schweiz

Die schweizer Industrie hat den digitalen Wandel in Angriff genommen und beschäftigt sich intensiv mit Begriffen wie Internet of Things, Agilität und Smart Factory. Doch wie steht es um die Umsetzung von Industrie 4.0 in den schweizer Unternehmen?
Dr. Urs Hirt von der Staufen AG Schweiz hat uns diese und weitere Fragen im Interview beantwortet und seinen Standpunkt zum Thema „Chefsache Industrie 4.0“ verraten.

1. Industrie 4.0 bedeutet Innovation: Auf welche innovative Entwicklung der letzten Jahre möchten Sie persönlich nicht mehr verzichten?

Mir fallen spontan sehr viele Innovationen ein, auf die ich nicht mehr verzichten möchte. Die grössten Innovationen stehen uns aber noch bevor. Insbesondere von der individualisierten Medizin, der Entwicklung ganz neuer Geschäftsmodelle oder dem smarten Nutzen von Ressourcen erhoffe ich mir einige Impulse für die Schweizer Industrie.

2. Die Staufen AG berät Unternehmen auf internationaler Ebene zum Thema Lean Management. Gibt es von Land zu Land unterschiedlichen Beratungsbedarf?

Ja und Nein. Ja, weil in den vergangenen Jahrzehnten viele Unternehmen dem Irrglauben aufgesessen sind, dass Lean Management eingeführt werden kann, indem Methoden und Instrumente von erfolgreicheren Unternehmen kopiert werden können. Richtig ist aber: Lean Management findet in den Köpfen der Mitarbeiter und insbesondere der Führungskräfte statt und materialisiert sich in Instrumenten und Methoden. Damit ist auch klar: Lean Management als Teil einer Unternehmenskultur muss in Übereinstimmung mit der Lebenswelt der Mitarbeiter gebracht werden.

Nein, weil in einer globalisierten Welt, die geprägt ist von Beschleunigung und Individualisierung, viele Unternehmen mit ähnlichen Problemen kämpfen: „Wie können wir kleine Mengen eines Produkts in kürzester Zeit mit höchster Qualität und zu niedrigsten Kosten herstellen?“

3. Wie hilft Lean Management im Unternehmen beim Übergang zur Umsetzung von Industrie 4.0 Massnahmen?

Lean Management ist die Voraussetzung für einen erfolgreichen Schritt in die Richtung einer „smart factory“. Das Cyber-Physische System (CPS) kann den Menschen nicht ersetzen. Es braucht zuerst exzellente Prozesse, um den maximalen Nutzen aus der “smart factory“ zu ziehen.

4. Was ist ihr Best Practice Advice für Schweizer Industrieunternehmen?

Die Entwicklungsgeschwindigkeit bei Industrie 4.0 ist schon heute sehr hoch und wird in Zukunft noch schneller werden. Schweizer Unternehmen dürfen nicht ins Hintertreffen geraten.

5. In welchen Bereichen eines Unternehmens sehen Sie das grösste Potenzial für Lean Management Projekte?

Noch vor nicht allzu langer Zeit herrschte in vielen Unternehmen die Meinung vor, Lean Management sei nur in der Produktion, also in der Montage oder Fertigung, anwendbar. Viele Unternehmen haben aber erkannt, dass Lean Management in allen Bereichen – vom Vertrieb, über das Engineering und die Beschaffung – eingesetzt werden kann und ungeahnte Potenziale gehoben werden können. Wir stellen heute einen Trend hin zur Anwendung von Lean Management in den indirekten und administrativen Bereichen fest.

6. Ist das Thema Industrie 4.0 in den Köpfen der Entscheider aus der Schweizer Industrie angekommen?

Mit Sicherheit mehrheitlich ja. Allerdings wartet die dieselbe Mehrheit der Entscheider mit konkreten Schritten noch ab. Wohl mit gutem Grund: Sie haben erkannt, dass teilweise die Grundlagen noch nicht gegeben sind, um erste Schritte in die Richtung einer „smart factory“ zu machen.

7. Mein Unternehmen hat sich noch gar nicht mit den Grundprinzipien des Lean Managements beschäftigt. Habe ich ein Problem?

Das kann so pauschal nicht beantwortet werden. Ob Sie ein Problem haben, hängt von einigen Faktoren ab. Falls Sie ein Produkt herstellen, das kein anderes Unternehmen auf der Welt anbietet und das so begehrt ist, dass ihre Kunden jeden Preis dafür bezahlen, haben Sie kein Problem. Falls aber bereits einer dieser Aspekte erfüllt ist – und das wird aller Wahrscheinlichkeit der Fall sein – werden Sie früher oder später wohl ein Problem haben.

8. Der Schweizer Strategietag Industrie 4.0 findet dieses Jahr unter dem Leitsatz „Chefsache Industrie 4.0“ statt. Welchen Tipp geben Sie speziell den Kadern der Schweizer Industrieunternehmen?

Die Schweizer Unternehmer benötigen keine Tipps. Sie haben bereits erkannt, dass Industrie 4.0 keine Eintagsfliege ist. Die Schweizer Wirtschaft ist extrem innovativ. Unsere Studien zeigen zudem, dass den Unternehmern auch bewusst ist, dass schlanke Prozesse eine Voraussetzung für jeder „smart factory“ ist.

Dr. Urs Hirt ist Geschäftsführer der Staufen AG Schweiz und Referent beim Schweizer Strategietag Industrie 4.0 am 12. Januar 2017 in Rüschlikon, dem Treffpunkt für Entscheider der Schweizer Industrie.

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