Lean Industrie 4.0: Strategien der Digitalisierung


Industry 4.0

Werkplatz Schweiz: Stolpern über die eigene Bescheidenheit

Ziel des Artikels ist es, Strategien und Massnahmen der Digitalisierung für unsere KMU zu finden. Auf diesem Weg wurden zunächst die Unterschiede herausgestellt, um von anderen Ländern, Branchen und den Experten unserer Swissmechanic Mitglieder zu lernen:

1) Warum es so grosse Unterschiede zwischen der restlichen europäischen Industrie gibt, bzw. es dem Werkplatz Schweiz schlechter geht als seinen Nachbarn. Wie betreiben diese Ländern Industrie 4.0 oder Digitalisierung?

2) ?, denn auch hier gibt es Branchen und Unternehmen, welche im Durchschnitt mehr Erfolg und bessere Margen haben.

3) Was machen unsere Verbandsmitglieder als Vertreter der KMU MEM Schweiz hinsichtlich Industrie 4.0?
Das Ergebnis der Studien ist erstaunlich: Schweizer Unternehmen der MEM verfolgen ganz andere Wege der Digitalisierung und auch von Industrie 4.0. Sie konzentrieren sich weniger auf den Kundennutzen, als auf die interne Optimierung. Sie fokusieren effiziente Prozessoptimierung und neue Technologien, aber weniger die Seite des Verkaufs und der Kommunikation. Der Eindruck entsteht, dass hier ein wesentlicher Mentalitätsunterschied zum Tragen kommt: Ein perfektes Produkt und dann erst kundenorientiertes Marketing.

Digitalisierungsbestrebungen der europäischen MEM Industrie: Im Fokus steht der Verkauf

Aktuell konzentrieren sich die Digitalisierungsaktivitäten der europäischen Unternehmen der MEM Branche auf die Seite der externen Wertschöpfung. Hier sind insbesondere kundenspezifische Fertigung (Individualisierung), Entwicklungsschnelligkeit und Verkauf zu nennen. Die Nutzung dieser Digitalisierungstreiber ermöglicht unter Wettbewerbsgesichtspunkten eine Differenzierung des eigenen Angebots und wird eher wahrgenommen.

Pfade der Digitalisierung
Im Unterschied zu den Schweizer KMU-MEM sind bei der europäischen Industrie noch die internen Digitalisierungsbemühungen, wie Prozessoptimierung und Vorräte, im Hintertreffen.

Die Autoren der VDMA-Studie nennen zwei mögliche Begründungen: Entweder unterschätzen die europäischen Unternehmen die potentiellen Kosteneinsparungspotentiale oder die sichtbare Wirkung nach aussen wird als wichtiger bewertet. Im Gegensatz zur Schweizer MEM Branche konzentriert sich EU MEM Industrie auf die andere Seite der Medaille von Industrie 4.0.

Weitere zu berücksichtigende Aspekte sind (Daten-) Sicherheit, Regulierungen, entsprechend ausgebildete Arbeitskräfte, Innovationskraft und Infrastruktur. Insbesondere der Fachkräftemangel bildet mit 56% die schwierigste Barriere, was ähnlich auch in der Schweiz gilt. Der Eintritt von neuen Wettbewerbern in der Fertigungsindustrie, welche dieses Markt verändern könnten, wird insbesondere von Deutschen (57%) und der Schweiz und Liechtenstein (52%) befürchtet, Südeuropa sieht das entspannter.

Über die Hälfte der Schweizer und Liechtensteiner Unternehmen der MEM Branche sehen im Unterschied zu anderen Ländern die grösste Gefahr im aktuellen Machtwechsel vom Lieferanten zum Konsumenten. Diese Ansicht ist mit grosser Wahrscheinlichkeit mit der „Hochpreisinsel“ zu begründen: Wenn der Konsument bzw. der Kunde das gleiche Angebot im Ausland günstiger beziehen kann und es keine Lieferbarrieren gibt, dann wird er es tun. Es gibt keine Möglichkeit, den Kunden davon abzuhalten, Nivea oder eine Maschine im Ausland zu kaufen, umgekehrt aber Hindernisse, welche das gleiche Verhalten bei Unternehmen verhindern. Die Beschaffungsfreiheit ist hier einseitig, was eben auch zu dieser Machtverlagerungen und eben auch Kaufkraftverlagerung führt. Das könnte diese abwehrende Haltung der Schweizer und Liechtensteiner Industrie erklären.

Die andere Herausforderung ist die Innovationskraft in Industrie 4.0: Aus den Zahlen der Studie von BAKBASEL und Deloitte bezogen auf die Schweiz geht klar hervor, dass Gross- (23%) und Mittelunternehmen (19%) diesen Trend viel stärker verfolgen (können) als kleinere Unternehmen (10%). Beschränkend wirken hier die im ersten Teil des Artikels erläuterten Finanzierungsmöglichkeiten auch für eine „Lean Industrie 4.0“. Banken bewerten die Kreditvergabe nach Produktivität und damit Rentabilität eines Betriebs. Jedoch ist gerade bei Standortnachteilen die Digitalisierung und Automation eine intelligente Möglichkeit, sich gegenüber den Wettbewerbern zu verbessern.

Wenn von (Daten-)Sicherheit, Regulierungen, Fachkräften, Ausbildung, Innovationskraft und Infrastruktur die Rede ist, dann ist klar, wer sich dafür verantwortlich zeigen muss: Digitalisierung ist Chefsache, gerade bei KMU. In Zukunft verschwimmen die geographischen, physikalischen und technologischen und auch biologischen Grenzen. Von diesem Trend sind alle betroffen: Kleine, grosse, traditionsreiche Firmen und Startups, kurz alle Branchen, in einem zunehmend rasanten Tempo, mit einer immer engeren Bindung zwischen Produzent und Konsument, neudeutsch Prosument.

Industrie 4.0 KMU Schweiz: Neue Technologien und Produkte und Dienstleistungen für die Kunden

Das Internet der Dinge ist nach Meinung von Experten längst auf dem Weg in den Alltag. «Der Zug hat den Bahnhof verlassen», sagte Colin I’Anson, Manager bei Hewlett-Packard Enterprise auf der Konferenz Industry of Things in Berlin. Selbstfahrende Autos, humanoide Roboter und 3D-Drucker sind nicht die Höhepunkte des Digitalzeitalters, sondern seine Vorboten.

Oft wird Digitalisierung als Wundermittel zur Bekämpfung von Standortnachteilen der Schweiz genannt, welches gleichzeitig die Hochpreisinsel, den starken Franken, hohe Personalkosten, u.a. beseitigen kann. Industrie 4.0 wird zum Buzzword. Deshalb lohnt sich ein Blick in die Untersuchung von über 2000 Schweizer KMU der Credit Suisse.

In der Schweiz haben insbesondere die Industrieunternehmen mit den vergleichsweise hohen Erstellungskosten zu kämpfen. 70% der Befragten geben an, dass das Ausland mittlere bis grosse Vorteile gegenüber der Schweiz aufweist. Es herrscht eine hohe Kosten- und Währungsbenachteiligung bei gleichzeitig starker Exportorientierung des Werkplatzes Schweiz, gerade in die EU.

Andererseits sind viele KMU auch dort im internationalen Wettbewerb erfolgreich. Knapp ein Viertel aller KMU exportieren, über 8% haben einen Auslandsstandort. In der Spitzenindustrie werden 54% des Umsatzes im Auslandsgeschäft generiert. Neue Technogien sind hier der wesentliche Erfolgsfaktor für Schweizer KMU, das zeigt die aktuelle Studie der Forschungsabteilung der Credit Suisse.

Credit Suisse Neue Technologien

Massnahmen der KMU gegen Standortnachteile der Schweiz sind in absteigender Bedeutung: 1) Einführung neuer Technologien mit 73% Nennungen „wichtig bis sehr wichtig“, 2) Entwicklung neuer Produkte oder Dienstleistungen, 3) Investitionen in Mitarbeiter, 4) Verstärkter Import von Vorleistungen, sowie 5) Auslagerung. Bei den Experteninterviews unserer Mitglieder von Swissmechanic zeigte sich, dass alle diese Stossrichtungen mehr oder weniger technologieorientiert sind.

Diese Trends bestätigen auch die Daten der Forschungsabteilung der Credit Suisse: 72,3% der KMU halten die Einführung der neuen Technologien als wichtige oder sehr wichtige Massnahme gegen Standortnachteile. 77,5% der befragten KMU vertreten die Meinung, dass ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit durch eine sehr starke Nutzung neuer Technologien deutlich erhöht werden kann.

Jedoch zeigt sich eindeutig, dass grössere oder eben „junge“ Unternehmen stärker digitalisiert sind. Grosse verfügen über einen Vorsprung, aufgrund des Kapitalaufwands: Neuste Technologien erfordern oft hohe Investitionen. Zum anderen spielen auch die Nachrüstkosten eine Rollen: Junge Unternehmen können diese Technologien gleich bei der Gründung beschaffen und so eine aufwendige Umrüstung später vermeiden.

Industrie 4.0 am Werkplatz Schweiz: Interne Massnahmen der Digitalisierung

Swissmechanic hat über 100 Mitglieder befragt, welche Massnahmen sie konkret verwirklichen. Grundsätzlich haben 38% unserer Swissmechanic Mitglieder bereits Industrie 4.0-Projekte umgesetzt oder in Arbeit. Wir fragten nach den Technologien und Massnahmen für KMU in der MEM Branche. Im Rahmen der internen Wertschöpfung wurden am häufigsten genannt:

1) Vertikale Integration und horizontale Vernetzung von IT-Systemen (ERP, PPS, MES, ERP, CAD, CAM, MDE u.a.), Cloud Lösungen, Intralogistik, Vernetzung Produktions- und Werkzeugmaschinen mit dem Hersteller, Team-Viewer, online Prozessdatenerfassung, automatische Prozessverfolgung, Simulation und Datenerfassung via RFID, NFC oder anderen Identifikationstechnologien.

2) Erweiterte Automatisierungen (Integration von Spanneinheiten, u.a), automatisierte Zustands- und Servicemeldungen von Produktionseinrichtungen, autonome Transportfahrzeuge, Einsatz von Sensorik bis hin zu Robotik.

Was bisher bei unseren Mitgliedern weniger zu finden ist (im Gegensatz zu anderen Ländern des Euroraumes wie auch zu anderen Branchen), sind die externen Massnahmen zum Kunden hin: Web Shops, Google ad words, online Prozessdatenerfassung beim Kunden, Web Interface, Industrie 4.0 Schulungssysteme, einfache Chat und Kommunikationssysteme u.a.

Werkplatz Schweiz auf dem Weg zum Kunden

Es kommt zu einer Verschmelzung der Branchen und Ländern, es wird darauf ankommen, die besten und günstigsten digitalen Prozesse schnell umzusetzen und in Konkurrenz permanent für sich zu entscheiden.

Die Bewältigung vieler großer Herausforderungen der Zukunft ist heute entscheidend von IT-Innovationen abhängig. Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) sind damit längst unsere zentrale Lebensader geworden und bilden für sich eine kritische Infrastruktur mit überragender Bedeutung für die Aufrechterhaltung zentraler gesellschaftlicher Funktionen.

Die Digitalisierung geht jedoch in beide Richtungen: Interne Prozesse und externe Beziehungen zum Kunden. Diese umfassende Vernetzung von physischen mit IT-Systemen wird durch das Schlagwort „Cyber Physical Systems (CPS)“ beschrieben. Begriffe wie „Machine-2-Machine (M2M) Kommunikation“ und „Internet of Things (IoT)“ charakterisieren die besonderen Systemeigenschaften, welche durch eine große Anzahl von Sensoren, Datenaustauschprozessen und Kommunikationsverbindungen gekennzeichnet sind.

Erstaunlicherweise zeigte sich hierbei, dass unsere Swissmechanic Mitglieder sich vielmehr mit interner Digitalisierung im Sinne von Industrie 4.0 beschäftigen, also eher mit Kosteneinsparung, als mit der externen Variante der Wertschöpfung: Neukundengewinnung, Shop Lösungen, Smart Services und Zusatzangebot. Einerseits ist das verständlich, auf der anderen Seite geht es jedoch auch um die „Sichtbarkeit nach aussen“, gerade mit Schweizer Qualität. Oft sind diese digitalen Kommunikationsmassnahmen sogar preiswert zu realisieren. Jedoch wird man im Business-to-Business Geschäft nicht den persönlichen Kontakt und Verkaufsgespräch ersetzen können.

Swissmechanic bedankt sich bei seinen Mitgliedern für ihr hohes Engagement.
Wir bedanken uns herzlich bei dem Forschungsinstitut der Credit Suisse in Zürich und seinen Mitarbeitenden für die Nutzung der Studie „Erfolgsfaktoren für Schweizer KMU 2016 – Mit neusten Technologien gegen Standortnachteile“, bei dem VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V.) und McKinsey für die Daten aus „How to suceed: Strategic options for European machinery“.

Dr. Eva-Eliane TammenaDieser Artikel wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Dr. Eva-Eliane Tammena, Leiterin Kommunikation Wirtschaft und Politik, Swissmechanic Schweiz. Erleben Sie Frau Dr. Tammena und viele weitere hochkarätige Sprecher live auf dem Schweizer Strategietag Industrie 4.0 am 12. Januar 2017 in Zürich und seien Sie dabei, wenn die schweizer Industrie disruptive Methoden und neue Geschäftsmodelle diskutiert.

 

Zur Anmeldung