Kernproblem der Industrie 4.0 ist nicht die Technik, sondern der Mensch


Karl Olsberg

Im Interview geht Schriftsteller Karl Olsberg auf Gefahren und Chancen der Digitalisierung ein und erklärt, warum Neugier und Experimentierfreude bewahrt werden müssen.

Sie beschäftigen sich im Rahmen Ihrer Romane und dem Sachbuch „Schöpfung außer Kontrolle“ intensiv mit den Auswirkungen und Risiken einer immer schnelleren technischen Entwicklung. Wo sehen Sie die grössten Risiken?

Olsberg: Das Kernproblem ist nicht die Technik, sondern der Mensch. Unsere Gehirne sind nicht dafür gemacht, mit exponentiellem technischem Wachstum umzugehen. Wir schätzen diesen Wandel falsch ein und reagieren deshalb oft falsch darauf. Die größte Gefahr für die Zukunft sehe ich in menschlicher Naivität, Maßlosigkeit und Überheblichkeit. Diese zeigen sich zum Beispiel dann, wenn so genannte Experten behaupten, genau zu verstehen, wie ein komplexes System funktioniert und wie sicher es ist, oder wenn Risiken klein geredet werden, um Kunden, Aktionäre und Wähler nicht zu verschrecken.

Hat der Mensch die Kontrolle über die technische Entwicklung bereits verloren ?

Olsberg: Die hatten wir vermutlich nie. Man kann nicht verhindern, dass Dinge, die erfunden werden können, auch erfunden werden. Und wenn sie erst erfunden worden sind, kann man nicht oder nur sehr schwer verhindern, dass sie benutzt werden. Das gilt für das Rad ebenso wie für die Atombombe, für Biowaffen wie für superintelligente Maschinen. Schlimm ist daran nicht, dass wir diese Entwicklung nicht kontrollieren können, sondern dass wir trotzdem glauben, alles im Griff zu haben.

Sehen Sie auch positive Seiten in dieser Entwicklung? 

Olsberg: Ich bin weder ein Pessimist noch habe ich Angst vor Technik. Wir leben in einer Zeit nahezu grenzenloser Möglichkeiten, und ich möchte ganz bestimmt nicht zurück ins neunzehnte Jahrhundert, geschweige denn ins Mittelalter oder in die Steinzeit. Natürlich wird uns die Zukunft wunderbare Dinge bescheren. Krankheiten werden besiegt werden, vielleicht sogar Probleme wie Umweltverschmutzung, Hunger, Armut gelöst. Industrie 4.0 ist ein wichtiger Schritt auf diesem Weg und schafft viele neue Möglichkeiten. Aber eben auch neue Probleme.

Es ist eine dramatische Beschleunigung der maschinellen Entwicklung auszumachen. Wo stehen wir in 10 Jahren, vor einem Kampf Mensch gegen Maschine, wie in Ihrem Thriller „Das System“ beschrieben?

Olsberg: Ich bin gerade dabei, „Das System“ noch einmal neu zu schreiben, weil sich in den zehn Jahren, seit ich den ersten Entwurf schrieb, so unglaublich viel verändert hat. Aber ehrlich gesagt halte ich das in dem Roman beschriebene Szenario eines Kampfs Mensch gegen Maschine für sehr unwahrscheinlich (außer in Kriegsgebieten, wo es normal werden wird). Viel wahrscheinlicher ist, dass wir den Maschinen freiwillig die Macht über uns geben, oft ohne zu wissen oder darüber nachzudenken, was das für Konsequenzen hat. Das bedeutet leider nicht, dass die Folgen nicht ebenso verheerend sein können wie in meinem Roman.

Welche Erkenntnisse aus Ihren Recherchen und Erfahrungen können Sie Unternehmern in der Industrie mit auf den Weg geben, wenn es um die rasante technische Entwicklung geht?

Olsberg: Industrie 4.0 schafft hoch automatisierte, vernetzte Systeme, die noch viel komplexer und damit buchstäblich unberechenbarer sind als ohnehin schon. Das ist nicht per se schlimm – die Natur ist genauso unberechenbar. Wir haben also quasi nur das eine Unbeherrschbare gegen das andere eingetauscht. Wer unvorbereitet in den Dschungel läuft, verirrt sich wahrscheinlich, wird möglicherweise von einer Giftschlage gebissen oder bekommt Malaria. Übertragen auf Industrie 4.0 heißt das, wir müssen uns unseres eigenen Unwissens bewusst werden, sollten uns aber dennoch Neugier und Experimentierfreude bewahren. Und wie in der Natur gilt: Ein komplexes System ist stabiler, wenn es vielfältig ist – Monokulturen fallen leichter Schädlingen zum Opfer oder zerstören Ökosysteme, auch in der technischen Entwicklung.