Industrie 4.0 ist nicht nur eine Frage der Technik


Bernhard Kube

von Bernhard Kube

Die rasant fortschreitende technologische Entwicklung verändert unsere Gesellschaft. So sind wir es gewohnt, Informationen, Dienstleistungen und Produkte an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr abrufen zu können.

Es gilt zwar als selbstverständlich, online georderte Alltagsprodukte am nächsten Tag frei Haus geliefert zu bekommen. Auf ein wichtiges Ersatzteil für eine ausgefallene Maschine muss dagegen tagelang gewartet werden. Wie kann das sein?

Unternehmen aus der Industrie haben im Hinblick auf die digitale Transformation oft noch großen Aufholbedarf. Dabei müssen industriell produzierende Unternehmen die Chancen der Digitalisierung angesichts des globalen Wettbewerbs unbedingt ergreifen. Denn der Grad an Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung nimmt in allen Branchen stetig zu. Gleichzeitig stellen die Individualisierung von Produktion und Dienstleistungen sowie die Globalisierung der Wirtschaft die Industrie vor große Herausforderungen.

Die Wünsche der Kunden verändern sich immer schneller, ebenso die Bedürfnisse und die Erwartungen an Informationen und Mobilität. Für die Industrie bedeutet das, sich noch schneller auf die Kunden weltweit einstellen zu müssen. Das erfordert neue Wege der Organisation, die Automatisierung der Prozesse und die Vernetzung aller Elemente und Akteure entlang der Wertschöpfungskette. Das heißt auch, den möglichen Stillstand einer Maschine mit Hilfe von Predictive Maintenance vorherzusehen und zu vermeiden.

Durch Gründung der Initiative Industrie 4.0 hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung ebenfalls die Dringlichkeit der digitalen Transformation in der Industrie  hervorgehoben: Durch die Vernetzung aller Beteiligten im Wertschöpfungsprozess (Produkte, Maschinen, Menschen, Organisationen) soll die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie gestärkt werden. Sowohl vorausschauende Wartung als auch der 3D-Druck in der additiven Fertigung sind dafür nur zwei von vielen Anwendungsbeispielen. Die technologischen Möglichkeiten und deren Kosten sind dabei immer weniger die limitierenden Faktoren, um dieses Ziel zu erreichen. Viel erfolgsrelevanter bei der Generierung von Wettbewerbsvorteilen ist es, dass die Unternehmen zum Teil radikal umdenken und beispielsweise die interne und externe Zusammenarbeit auf eine neue Stufe stellen.

Der Erfolg von Industrie 4.0 hängt wesentlich von der Entwicklung neuer Dienste ab, die Umsatzsteigerungen versprechen oder die den Kundennutzen des Produktes erhöhen. Ein Anfang könnte es sein, Produkte mit Sensoren für Datenübermittlungsfunktion auszustatten. So erhalten Hersteller permanent Informationen über den Zustand des Produkts vor Ort beim Kunden. Diese Informationen können die Grundlage bilden für ganz neue Services, zum Beispiel für einen vorausschauenden Wartungsdienst. Schritt für Schritt lässt sich ein solches Szenario erweitern. Diese internetbasierten Dienstleistungen rund um die eigentlichen Produkte versprechen Potenzial für künftiges Wachstum. Im besten Fall ermöglichen Sie ein neues Geschäfts- oder Bezahlmodell (z.B. Pay-per-Use).

Erforderlich ist auch ein Umdenken in Unternehmen, solche Chancen zu erkennen und vor allem zu nutzen. Denn interne und externe Zusammenarbeit werden durch die Digitalisierung auf ein neues Fundament gestellt. Ihre Grenzen zerfließen. Unternehmen auf dem Weg zu Industrie 4.0 müssen daher zunächst die Zusammenarbeit in den eigenen Reihen anpassen. Digitalisierung bedingt in vielen Fällen einen Wandel in der  Kommunikationskultur, weil immer noch Insel-Denken den Informationsfluss zwischen den Abteilungen hemmt. Das wirkt der von Vernetzung und Kollaboration geprägten Idee der Industrie 4.0 entgegen.

Kommen aber technologisches Know-how und unternehmerisches Denken zusammen, bietet die Digitalisierung der Industrie neue Möglichkeiten der Wertschöpfung sowie der Optimierung von Prozessen in der Wertschöpfungskette. Unternehmen können dann durch Technologien wie Augmented Reality, Predictive Maintenance, Predictive Quality, M2M und Tracking und Tracing im Internet der Dinge neue Geschäftsfelder erschließen. Sie erhöhen die Kundenzufriedenheit durch kundenindividuelle Service-Modelle und neue Möglichkeiten der Interaktion mit dem Kunden. Sie reagieren schneller auf Kundenanforderungen mit agileren Prozessen. Und sie senken Ressourcenverbrauch und Kosten.

„Der Erfolg von Industrie 4.0 hängt wesentlich von der Entwicklung neuer Dienste ab, die Umsatzsteigerungen versprechen oder die den Kundennutzen des Produktes erhöhen.“

Bernhard Kube, Vice President Lufthansa Industry Solutions