Forschungshochburg Tessin im Zeichen der Internationalität


Lugano, Tessin

Für das Tessin hat das Forschungsumfeld mit Abstand den höchsten Stellenwert in der gesamten Schweiz. Das bestätigt die neue Umfrage der Credit Suisse bei 2000 kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) und eine Umfrage von Industrieunternehmen. Laut Swissmechanic profitiert gerade die Innovationsstärke der Industrie von grenzüberschreitenden Synergien. Im Tessin werden grundlegende Techniken für künstliche Intelligenz geschaffen. Beispiel für internationalen Erfolg ist der Swiss ICT Award für Luca Mario Gambardella und Jürgen Schmidhuber. Swissmechanic sprach mit dem Preisträger Schmidhuber über Forschung und Internationalität.

Industrieunternehmen im Tessin bewerten die Bedeutung des Forschungsumfeldes höher als alle anderen Grossregionen der Schweiz. Die ansässigen Firmen der Branchen Pharma und Medizinaltechnik pflegen ein intensives Patent-Forscher-Netzwerk innerhalb und ausserhalb der Schweiz. International wird mit ausländischen Mitarbeitenden und Forschungseinrichtungen zusammengearbeitet. „Diese Forschung mit ihren Fachkräften ist ein wesentlicher Treiber für den Unternehmenserfolg der Tessiner Unternehmen des Werkplatzes Schweiz“ bestätigt auch Vizepräsident Roland Frick von Swissmechanic.

Internationale Synergien: Einzigartiger Stellenwert des Forschungsumfelds im Tessin

Durch die Verleihung des Awards Swiss ICT an die beiden Forscher Gambardella und Schmidhuber will die Jury auch darauf aufmerksam machen, welche wichtige Arbeit im Tessin geleistet wird. Kaum jemand wisse nämlich, dass grundlegende Technologien für Google, Apple, IBM und Co. in tessinerischen Manno entworfen wurden. Google nutzt das Tessiner Know How für Sprachübersetzungen, die automatische Erstellung von Bildunterschriften und das Beantworten von E-Mails. Gambardella ist Direktor des Tessiner Istituto Dalle Molle di Studi sull’Intelligenza Artificiale (IDSIA, USI & SUPSI). Vor 20 Jahren holte er den Münchner Jürgen Schmidhuber als Co-Direktor ins Tessin. Das Team mit über 18 Nationalitäten ist für bahnbrechende Fortschritte auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz verantwortlich. Das Institut gilt als eine der weltweit besten Forschungseinrichtungen im Bereich der biologisch-inspirierten künstlichen Intelligenz.

Interview von Swissmechanic mit dem Preisträger Jürgen Schmidhuber

Swissmechanic: Wie werden sich KIs (Künstliche Intelligenzen) auf die Arbeitswelt auswirken?
Schmidhuber: KIs werden fast alles erlernen, was Menschen können – und noch viel mehr. Heute schon sind unsere seit den 1990ern in München und der Schweiz entwickelten tiefen Netze Milliarden Smartphone-Nutzern zugänglich, etwa für die Spracherkennung. Unsere formelle Theorie des Spaßes erlaubt sogar, Neugier-de und Kreativität zu implementieren, um künstliche Wissenschaftler und Künstler zu bauen. Superkluge KIs werden vielleicht bald das Sonnensystem und den Rest der Galaxis besiedeln. Roboter und deren Besitzer wer-den natürlich hinreichend Steuern zahlen müssen, sonst gibt es Revolution.

Swissmechanic: Wird Forschung überhaupt noch an den Universitäten stattfinden oder verlagert sie sich in die Industrie?
Schmidhuber: Teile der Industrie haben erkannt, dass sich die Entwicklung der künstlichen Intelligenz massiv auf ihr Geschäft auswirken wird. Obwohl sie sich nicht sicher sind, was die Killeranwendungen sein werden, wollen sie auf jeden Fall dabei sein.

Swissmechanic: Wie wird sich KI langfristig auswirken?
Schmidhuber: KI wird voraussichtlich fast jeden Aspekt unserer Zivilisation erfassen und umgestalten. Men-schen werden bald nicht mehr die wichtigsten Entscheidungsträger sein. Alles wird sich ändern, und die vom Menschen dominierte Zivilisationsgeschichte, wie wir sie kennen, wird sich in den kommenden Jahrzehnten ihrem Ende zuneigen. KIs werden anfangen, erst das Solarsystem und dann innerhalb weniger Jahrmillionen die gesamte Milchstrasse zu kolonisieren.

Swissmechanic: Was bleibt dem Menschen zu tun?
Schmidhuber: Der von harter Arbeit befreite Homo Ludens wird wie stets neue Wege finden, mit anderen Menschen professionell zu interagieren. Schon heute üben die meisten Leute Luxusberufe aus, die anders als der Ackerbau nicht überlebensnotwendig sind. Der beste Schachspieler ist seit 1997 kein Mensch mehr, doch immer noch spielen Menschen gegeneinander und verdienen gar damit. In Südkorea entstanden neue Berufe wie der professionelle Videospieler. Länder mit vielen Robotern pro Einwohner (Japan, Südkorea, Deutschland, Schweiz) haben erstaunlich niedrige Arbeitslosenquoten. Es gilt mein alter Spruch aus den 1980ern: Es ist leicht vorherzusagen, welche Jobs verloren gehen, aber schwer zu prognostizieren, welche neuen entstehen.

Swissmechanic: Welche Nationalität oder Staatsbürgerschaft haben KIs?
Schmidhuber: Gibson’s berühmte KI “Wintermute“ aus dem Roman “Neuromancer” sass zunächst in Bern. War sie zumindest zeitweise Schweizerin?

Es bleibt zu hoffen, dass der positive Trend eines Tessiner Silicon Valley und der Optimismus aktuell nicht stagniert. Forschung ist und bleibt international.


Danke auch an das Forschungsinstitut der Credit Suisse Zürich für die Nutzung der Studienergebnisse und der Abbildung aus der Befragung „Mit neusten Technologien gegen Standortnachteile“, September 2016

Dieser Artikel wurde freundlicherweise von Swissmechanic zur Verfügung gestellt.

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