Digitalisierung auf den Boden gebracht – Ein Thema auch für KMUs


Die Digitalisierung eröffnet Unternehmen neue Möglichkeiten, sich im Wettbewerb zu positionieren, neue Kunden zu gewinnen und zu binden sowie die Effizienz und Effektivität der Prozesse konsequent zu steigern. Die Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern muss nutzen- und kundenorientiert zum Einsatz gebracht werden. Dies erfordert eine systematische Identifikation und Analyse der digitalen Potenziale sowie eine anschliessende Beurteilung bzgl. Nutzen sowie technischer und ökonomischer Machbarkeit.

Von Prof. Dr. Peter Jaeschke

Digitalisierung nutzen

Bei Vorträgen und Diskussionen um Digitalisierung oder Industrie 4.0 ist häufig zu beobachten, dass entweder Fachbegriffe wie «Machine-to-Machine-Communication», «Internet der Dinge», «Predictive Analytics» und «cyber-physische Systeme» als Schlagworte eingebracht oder die disruptiven Geschäftsmodelle von «Uber» und «Airbnb» als Beispiele genannt werden. «Uber» wird dabei als weltgrösstes Taxiunternehmen ohne eigenen Fuhrpark und «Airbnb» als weltgrösstes Hotellerieunternehmen ohne eigene Immobilien bezeichnet. Es werden Digitalisierungsstrategien und die Veränderung der Unternehmenskultur eingefordert sowie der digitale Reifegrad des Unternehmens gemessen.

Als KMU stellt sich jedoch weniger die Frage nach einer revolutionären Umgestaltung des eigenen Unternehmens, sondern viel mehr nach der evolutionären Weiterentwicklung aufbauend auf den Stärken des Unternehmens. Es geht auch im Rahmen der Digitalisierung um die klassischen Fragestellungen:
• Wie kann lassen sich Positionierung und Differenzierung im Wettbewerb verbessern?
• Welche neuen Geschäftsfelder können angegangen, welche bestehenden ausgebaut werden?
• Wie kann der Zugang zu neuen Kunden erschlossen und die Kundenbindung verbessert werden?
• Wie können Effizienz und Effektivität der Prozesse gesteigert werden?
• Wie kann die Lieferbereitschaft erhöht werden?
• Wie können Kapitalbindung, Kosten und Risiken reduziert werden?
• Wie können vorausschauendes Handeln ermöglicht sowie Entscheidungssicherheit und -geschwindigkeit gesteigert werden?

Konkret geht es primär darum, ob vor dem Hintergrund der Digitalisierung neue Potenziale entstehen und daher neue Antworten auf diese in der Unternehmensführung allgegenwärtigen Fragen gefunden werden können. Ergänzend sind Potenzial und Gefahr durch disruptive Geschäftsmodelle für die eigene Branche konsequent zu überwachen.

«Befähiger» oder auf Englisch «Enabler»

Zentrale Befähiger der Digitalisierung sind unter anderem die allgegenwärtige Vernetzung sowie die Verbreitung von mobilen Geräten, Wearables und Sensoren. Zunehmend kommunizieren Maschinen und Geräte im Internet der Dinge direkt miteinander. Technologien ermöglichen die eindeutige Identifizierbarkeit einer jeden Sache und auch deren Positionsbestimmung. Sensoren melden Zustand, Verschleiss, Verbrauch und Nutzung von Geräten. Mit 3D-Druck lassen sich Teile mit Losgrösse 1 im konkreten Bedarfsfall produzieren. Pokémon Go hat „Augmented Reality“ zu einer grossen Bekanntheit verholfen; das Einsatzpotenzial in Kombination mit Datenbrillen ist im professionellen Bereich gross. Die sammelbaren Daten bieten das Potenzial, anstehende Entscheidungen auf eine sicherere Basis zu stellen, sie schneller zu treffen oder sogar zu automatisieren. So lassen sich beispielsweise Verkaufschancen identifizieren und das erfolgversprechendste Angebot zusammenstellen.

Ansatzpunkte

Ausgehend vom fundierten Verständnis der eigenen Wertschöpfungskette und ihrer Varianten bietet es sich an, die Potenziale der Digitalisierung bzgl. der oben ausgeführten Fragestellungen systematisch zu analysieren und im Anschluss auf technologische und ökonomische Machbarkeit prüfen:

  • Restrukturierung der Wertschöpfungskette, so dass Kapitalbindung, Kosten und Risiken in der Wertschöpfungskette neu zwischen den Akteuren verteilt oder ganze Stufen eliminiert werden können. Möglichkeiten bieten hier zudem die Verschiebung von Aktivtäten zwischen den Akteuren sowie die Einführung neuer Preis- und Abrechnungsmodelle, die beispielsweise auf der Nutzung der Produkte und Dienstleistungen oder einem verschobenen Zeitpunkt des Eigentumsübergangs basieren.
  • Nutzung etablierter Plattformen oder Schaffung neuer (ggfs. lokaler) Plattformen, die den Zugang zu Kunden oder die Zusammenarbeit mit Partnern im Wertschöpfungsnetzwerk unterstützen und erleichtern.
  • Prozessintegration mit Kunden und Lieferanten im Umfeld von langfristigen Geschäftskundenbeziehungen mittels Ersatz der papier- und mailgebunden Kommunikation durch den direkten Datenaustausch zwischen den Systemen.
  • Unmittelbare Integration der Produkte in die Prozesse, z.B. indem diese selbständig die Bestellung von Verbrauchsmaterial auslösen oder die nächste Wartung oder Reparatur inkl. der benötigten Ersatzteile anfordern.
  • Der Service auf Distanz ist auf Basis der Sensoren und Softwarekomponenten möglich. Er reicht von der Fernüberwachung von Geräten und Maschinen auf Basis von Nutzungs-, Zustands- und Verschleissinformationen über Ferndiagnose bis zur Fernwartung und -programmierung.
  • Mitarbeitenden von Kunden oder des eigenen Service können über interaktive Anleitungen auf Displays oder mobile Devices, durch Webinare und eLearnings oder auch persönliche Anleitung über eine Datenbrille befähigt werden, Fehler zu beheben oder auch anspruchsvolle Wartungsaufgaben durchzuführen.
  • Der Omni-Channel Ansatz ist die Antwort auf die Erwartung der Kundschaft, dass sie sowohl im Verkaufs- als auch im Serviceprozess mitten im Ablauf zwischen den verschiedenen Kontaktkanälen willkürlich hin und herwechseln kann, vom Onlineauftritt über den Telefonkontakt bis hin zum persönlichen Treffen im Laden. Die Erwartung beinhaltet, dass der Prozess jeweils ohne Informationsverlust genau an der Stelle wieder aufgenommen wird, an welcher er zuvor unterbrochen wurde.
  • Nutzung von Daten aus den eigenen Informatiksystemen, den Sensoren der Produkte und öffentlich zugänglicher Daten in Social Media und Internet, um die Prozesse in den Bereichen Innovation, Marketing und Verkauf, Service und Maintenance auf eine neue Ebene zu heben.

Prof. Dr. Peter JaeschkeProf. Dr. Peter Jaeschke

Leiter Institut für Informations- und Prozessmanagement der FHS St. Gallen

 

 

 

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