Die Life Cycle Information Cloud im Fokus – Interview mit Dr. Rolf Birkhofer [Endress+Hauser]


Dr. Rolf Birkhofer, Endress+Hauser

Im Frühjahr hat Endress+Hauser mit der Life Cycle Information Cloud eine eigene Cloudlösung vorgestellt. Über Details, Anwendungsgebiete, -Optionen und Ziele berichtet Dr. Rolf Birkhofer, Managing Director der Endress+Hauser Process Solutions AG, im Interview.

Herr Dr. Birkhofer, bitte erläutern Sie zunächst das Prinzip Ihrer Life Cycle Information Cloud: Auf welchem Weg gelangen die Daten welcher Feldgeräte in die Cloud und mit welchen Verfahren werden sie dort ausgewertet?

Dr. R. Birkhofer: Die Endress+Hauser-Cloud ist ein IIoT-Ökosystem (Industrial Internet of Things), in das sich unterschiedliche Applikationen einbinden lassen. Unser Ziel ist es, in Zukunft alle kommunikationsfähigen Feldgeräte mit der Cloud zu verbinden. Mit unserer Life-Cycle-Information-Cloud haben wir hierfür die Basis gelegt, denn sie bildet die Infrastruktur für eine Vielzahl künftig möglicher IIoT-Anwendungen.
Feldgeräte generieren eine Menge an Daten, die bisher oft nicht genutzt wird. Unsere Cloud dient als Austauschplattform für Informationen aus verschiedenen Quellen, die dort gespeichert und applikationsübergreifend abgefragt werden können.
Auf der diesjährigen Hannover Messe haben wir eine konkrete IIoT-Lösung auf Basis unserer Geräte mit Profibus-Schnittstelle vorgestellt. Hier werden die Daten zunächst von einem sogenannten „Edge-Gerät“, also einem gesicherten Übergang von der operativen Technologie zur Informationstechnologie, aufgenommen und ins Internet übertragen – Experten würden sagen: von der OT zur IT. Dies geschieht beispielsweise über Wi-Fi oder Mobilfunk. Das „Edge-Gerät“ verbindet somit die Feldebene mit der Cloud. Durch Analyse- und Auf-bereitungsalgorithmen werden die Daten dann untersucht, geordnet und grafisch dargestellt. Autorisierte Clients – das kann ein „iPhone“ sein, ein Notebook oder unser „Field Xpert“ – haben anschließend die Möglichkeit, auf die aufbereite¬ten Daten zuzugreifen.

Arbeiten Sie diesbezüglich mit einem Cloudanbieter zusammen bzw. ist eine solche Zusammenarbeit mit einem oder mehreren Cloudanbietern für die Zukunft geplant?

Dr. R. Birkhofer: Wir leben in einer schnellen, agilen Welt. Unsere Kunden sind es mehr und mehr gewohnt, dass die Applikationen, die sie benutzen, nicht mehr installiert werden müssen und regelmäßig mit neuen Features im Hintergrund aktualisiert werden. Daher fokussieren wir uns auf den Kundennutzen und kooperieren mit einem professionellen Platform-as-a-Service-Anbieter, der für Sicherheit, Skalierbarkeit, Performance und Verfügbarkeit der Cloud sorgt.

Wer „Cloud“ sagt, sagt in der Regel im zweiten Atemzug „Predictive Maintenance“. Ist das auch bei Endress+Hauser so, oder welche Anwendungsszenarien wollen Sie mit Ihrer Cloud-Lösung gemeinsam mit Kunden erschließen?

Dr. R. Birkhofer: Wir haben langjährige Erfahrung im Bereich „Plant Asset Management“ und bieten Unterstützung bei der Optimierung des Feldgeräte-Managements vom Engineering bis zur Betriebsphase an. Unsere Kunden bestätigen uns, dass dies für sie nach wie vor einen großen Nutzen darstellt und für ein professionelles Anlagenmanagement unverzichtbar geworden ist.
Deshalb bieten wir zunächst eine cloudbasierte Analyse der installierten Basis an. Darauf aufbauend haben wir in Hannover auch einen Anwendungsfall für Predictive Maintenance gezeigt, mit einer pH-Elektrode für einen Analyse-Transmitter. Damit können Kunden auf ihrem Handy ablesen, welche Zeit ihnen in der Produktion bleibt, bis die Elektrode neu kalibriert werden sollte. Weitere Anwendungsfälle werden folgen.

Eingangs bezeichneten Sie Ihre Cloudlösung als IIoT-Ökosystem. Wie umfangreich wird dieses werden, werden weitere Hersteller, App-Spezialisten, Cloud-Anbieter darin eingebunden sein?

Dr. R. Birkhofer: Unsere Kunden erwarten von Endress+Hauser als „Main Instrumentation Vendor“ mit einem kompletten Messtechnikangebot mehr als nur Geräte an eine Cloud anzubinden. Unsere Kompetenz in Verbindung mit unserem Serviceangebot prädestiniert uns geradezu ein „Ökosystem“ für die Prozessautomation aufzubauen und zu gestalten. Es ist klar: Durch ein Ökosystem entsteht ein Plattformeffekt, von dem alle Marktteilnehmer profitieren – die Nutzer und die Anbieter.
Unser IIoT-Konzept ist daher keine in sich geschlossene Insellösung. Die Integration von Cloudlösungen anderer Hersteller ist möglich. Wir haben mit unseren Geräten angefangen. Es sind aber bereits Schnittstellen definiert und implementiert, an die andere Hersteller anknüpfen können.

Auf der Hannover Messe haben Sie als Cloud Business Case eine existierende Anlage nachgestellt. Bitte erläutern Sie den konkreten Fall aus der Praxis inklusive Kundennutzen im Detail.

Dr. R. Birkhofer: Tatsächlich haben wir sogar zwei digitale Dienstleistungen auf der diesjährigen Hannover Messe demonstriert: zum einen unsere cloudbasierte „In-stalled Base Analysis“, also eine Auswertung der installierten Basis des Nutzers. Für alle detektierten beziehungsweise manuell gescannten Assets einer Anlage wird hier ein sogenannter „digitaler Zwilling“ in der Cloud erzeugt, das heißt eine virtuelle Repräsentation vom real existierenden Gerät. An diesen werden dann sowohl Stammdateninformationen als auch – soweit verfügbar – Kali-brierdokumente, Produktionsinformationen und Reparaturberichte gebunden. Dadurch können unsere Kunden sehen, welche Geräte von welchem Hersteller verbaut sind, und Analysefunktionen durchführen lassen. Mit diesen Informationen lassen sich beispielsweise Gerätetypen standardisieren und damit die Lagerhaltung für Ersatzteile optimieren. Wir zeigen also Verbesserungspotenziale auf, machen auf Obsoleszenzrisiken aufmerksam und liefern weitere verdichtete Informationen – alles ohne Vorort-Installation und auf Knopfdruck auch mobil verfügbar.

Die zweite digitale Dienstleistung „Smart Metrology“ ist die bereits erwähnte Überwachung einer pH-Elektrode. Bisher werden die Elektroden meist nach einem festen Zeitintervall rekalibriert, ohne den echten Verschleiß zu kennen. Die in der Cloud verfügbare Analysefunktion ist in der Lage, aus den aktuellen Mess- und Erfahrungsdaten der Vergangenheit sowie anderen pH-Messstellen zu berechnen, wann eine nächste Kalibrierung erfolgen sollte. Damit kann der Nutzer beispielsweise abschätzen, ob er einen weiteren Batch fahren kann oder nicht. Ein weiterer Nutzen ist die Optimierung von Kalibrierungskampagnen mithilfe der Endress+Hauser-Services.
Hinzuzufügen ist, dass unser Konzept modular aufgebaut ist. Es werden daher weitere Anwendungen aus den Bereichen Gerätediagnose und vorausschauende Wartung folgen.


Mehr Informationen finden Sie auf www.openautomation.de und www.iiot.endress.com.

Erleben Sie Dr. Rolf Birkhofer live im Forum 3 zum Thema „ Industrial Internet of Things – Sinneswandel in der Industrie?“ beim Schweizer Strategietag Industrie 4.0 am 11. Januar 2018 in Rüschlikon.

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