Interview zur personalisierten Medizin mit Prof. Szucs, Helsana-Gruppe


Prof. Dr. med. Thomas D. Szucs

Welche Chancen bieten sich durch die personalisierte Medizin? Und welche Rolle kommt hier auf die Krankenversicherungen zu? Wir haben Prof. Szucs, Helsana-Gruppe, dazu befragt.

Herr Professor Szucs, als Experte für personalisierte Medizin beschäftigen Sie sich mit Fragen zum Gesundheitswesen im post-genomischen Zeitalter. Mit Blick auf die Zukunft – welche Entwicklungen halten Sie für besonders herausragend?

Die personalisierte Medizin (PM) Anm. d. Redaktion)) hat insbesondere in der medikamentösen Therapie ganz neue Perspektiven eröffnet. Die weitere Entzifferung des genomischen Fingerprints des Menschen wird die Kenntnisse bezüglich der molekularbiologischen Konstellation des Einzelnen laufend erweitern und verfeinern, entsprechend kommt der Entwicklung biomarkergestützter Arzneimittel größte Bedeutung zu. Heute fokussiert die Entwicklung solcher Target-Medikamente noch vorwiegend auf die Behandlung von Krebserkrankungen. Mit zunehmendem Kenntnisstand über den genetischen Code wird aber bereits in naher Zukunft auch die Vorsorge und Behandlung sogenannter Volkskrankheiten wie beispielsweise Depressionen, Diabetes oder Herzkrankheiten individualisiert werden.

Personalisierte Medizin ist aber nicht allein als individualisierte Pharmakotherapie zu verstehen. Soziale und vor allem auch psychologische Faktoren haben einen ebenso bedeutenden Einfluss auf den Erfolg oder Misserfolg einer Behandlung. Die individuelle Charakterisierung dieser Faktoren und deren Berücksichtigung in der Therapie im Rahmen der personalisierten Medizin werden zu einer weiteren Herausforderung in naher Zukunft werden.

Durch diese zukünftigen Entwicklungen ergeben sich zahlreiche Chancen für  die unterschiedlichen Akteure im Gesundheitswesen. Welche Rolle kommt in dem Zusammenhang auf den Krankenversicherer zu?

Die Aufgaben und Anforderungen an die Krankenversicherer werden zunehmend komplexer werden. Die personalisierte Medizin ermöglicht neue Formen therapeutischer, präventiver und rehabilitativer Interventionen. Dies eröffnet Perspektiven für innovative Dienstleistungen und Versicherungsprodukte, aber auch für neue Abgeltungsmodelle im Rahmen der Vergütung von PM-Leistungen. Der Gedanke liegt nahe, die Vergütung zunehmend vom Behandlungserfolg abhängig zu machen – also „pay for performance“ – was die Pharmaindustrie bei gewissen teuren Medikamenten heute ja schon anbietet.

Auf der anderen Seite werden die Abwicklungsprozesse beim Krankenversicherer durch die PM nicht weniger oder einfacher. Die verstärkte Individualisierung der Therapie wird eine häufigere Einzelfallkontrolle notwendig machen und die Versicherer sind gefordert, hierzu das nötige Fachwissen bereitzustellen und die Betriebskosten trotzdem in einem vernünftigen Rahmen zu halten.

Schließlich müssen die Versicherer auch darauf Einfluss nehmen, dass die Effizienzpotentiale der PM mittels geeigneter Rahmenbedingungen auch tatsächlich realisiert werden. Denn die Stratifizierung der Behandlung birgt die Gefahr immenser Preis- und Kostensteigerungen, welche den Effizienzgewinn der PM wieder zu Nichte machen könnten.

Vor diesem Hintergrund: Wie wandeln sich Ihrer Meinung nach die gesellschaftlichen und individuellen Vorstellungen zur Prävention und Vorsorge? Und welchen Einfluss haben die Krankenversicherer auf diesen Prozess?

Dem genetischen Fingerabdruck wird sicher eine größere Bedeutung zukommen. Das Wissen über individuelle Veranlagungen und die bessere Vorhersagbarkeit respektive Risikoabschätzung ermöglicht gezieltere Präventionsmaßnahmen, Erkrankungen können früher erkannt oder gar abgewendet werden. Allerdings besteht die Gefahr, Prävention und Vorsorge allein nur noch auf das individuelle genetische Risiko auszurichten. Ein negativer Test, also eine nicht nachgewiesene genetische Veranlagung für eine bestimmte Krankheit, bedeutet aber nicht, dass diese Krankheit nicht eintreten wird. Der allgemeinen Gesundheitsvorsorge wird also auch in Zukunft ein hoher Stellenwert zukommen, und die Versicherer bleiben angehalten, darauf fördernd einzuwirken.

Es gibt aber auch Bedenken: Kann durch den medizinischen Fortschritt im Bereich der personalisierten Medizin nicht auch der Eindruck von der individuellen Beherrschbarkeit von Gesundheitsrisiken entstehen? Müssen die Krankenversicherer daher verstärkt als Kommunikator agieren?

Mit dem enormen Zuwachs an Fachwissen wird der Patient als Laie überfordert und verunsichert. Hier wird eine zentrale Aufgabe der Versicherer sein, ihren Kunden beratend zur Seite zu stehen und sie auf dem Weg der individualisierten Diagnostik und Therapie zu begleiten. Deshalb haben wir bei Helsana angefangen, Themen zu lancieren, die die Gesundheitskompetenz unserer Versicherten steigern sollen. Versicherte respektive Patienten müssen in ihrem Verständnis soweit gefördert werden, dass sie ihre Entscheidungen selbstverantwortlich treffen können. In diesem Zusammenhang kommt auch dem Case Management in Zukunft eine große Bedeutung zu.

Als Wächter über die Kosten- und Prämienentwicklung stehen die Krankenversicherer aber auch gegenüber der Öffentlichkeit und der Politik in der Verantwortung. Hier sind beispielsweise die hohen Kosten von unnötigen Massentests und Screenings im Auge zu behalten.

Der Datenschutz ist ein weiteres sensibles Thema. Viele Versicherte befürchten, dass die eigenen, individuellen Gesundheitsdaten über Umwege nach außen gelangen und gegen sie verwendet werden könnten. Wie gehen die Versicherer damit um – sind diese Bedenken unbegründet?

Die Bedenken sind nicht ganz unbegründet, denn die PM führt zu einer enormen Anhäufung von sensitiven Informationen. Die Krankenversicherer müssen aber von Gesetzes wegen bereits heute hohe Datenschutzstandards erfüllen. Im Rahmen der Kostengutsprachen wie auch der nachgelagerten Kontroll- und Abrechnungsprozesse ist gewährleistet, dass jegliche sensible Daten nicht in falsche Hände gelangen können.

Wir bedanken uns bei Herrn Prof. Dr. med. Thomas D. Szucs für das Interview. Hören Sie Herrn Prof. Szucs am ersten Tag der Veranstaltung in seinem Out of the box-Vortrag.